Teil 1 von 4 der Reihe „Ist das Kunst oder kann das weg?“

4–5 Minuten

Jeder kennt dieses Gefühl: Du blätterst durch alte Familienfotos und entdeckst im Hintergrund ein Sofa in Senfgelb, eine Wand aus braunem Holz und eine Lampe, die aussieht wie ein gelandetes Raumschiff. Dein erster Gedanke: „Wie konnte man so wohnen?“ Dein zweiter, wenn du ehrlich bist: „Irgendwie sieht das auch ziemlich cool aus.“

Willkommen in der Welt der Wohntrends, die zwischen Fremdschämen und Kultstatus pendeln. In dieser Reihe schauen wir uns an, was wir einmal schön fanden, warum, und was davon heute wieder in unseren Wohnzimmern auftaucht.

Wir starten mit zwei Jahrzehnten, die kaum gegensätzlicher sein könnten: den gemütlich-erdigen 70ern und den schrillen 80ern.

Die 70er: Gemütlichkeit auf allen Ebenen

Die Gesprächsgrube. Ab den späten 1950ern in modernen Häusern aufgekommen, erreichte sie in den 60ern und 70ern ihren Höhepunkt: ein abgesenkter Bereich im Wohnzimmer, gepolstert und gefüllt mit Kissen, in dem man sich zum Reden, Trinken und Rauchen versammelte. Praktisch war sie weniger, denn sie ließ sich schlecht putzen, und ältere Gäste kamen kaum wieder hoch. Aber sie war ein Statement: Hier wird zusammengesessen.

Der Shag-Teppich. Langflorige Teppiche, in denen man buchstäblich versank, galten als Inbegriff von Behaglichkeit. Wer schon einmal Spielzeug im Hochflor gesucht hat, weiß, warum er wieder verschwand.

Avocadogrün und Harvest Gold. Küchengeräte, Badewannen und Waschbecken in Erdtönen waren in den 70ern der letzte Schrei. Dazu kamen Braun, Orange und Senfgelb auf Tapeten und Polstern, oft in großflächigen Mustern.

Holzvertäfelung und Eiche rustikal. Wände mit dunklem Holz und die massive Schrankwand in Eiche rustikal gehören in Deutschland zum kollektiven Gedächtnis. Sie standen für Solidität: Man leistete sich etwas, das ein Leben lang hielt.

Vintage living room with wood cabinet, television, patterned sofas, and coffee table

Makramee, Rattan und Pfauenstühle. Handgeknotete Wandbehänge, Korbmöbel und die ikonischen Rattansessel mit hoher, fächerförmiger Lehne brachten Natur ins Haus. Auch die Lavalampe, schon 1963 erfunden, wurde in den 70ern zum Symbol des Zeitgeists.

Bohemian reading nook with rattan chair, plants, macramé, and books

Warum wurde damals so gewohnt?

Trends entstehen nie im luftleeren Raum. Die 70er waren geprägt von Umbrüchen: Die Ölkrise 1973 führte vielen vor Augen, wie verletzlich der Wohlstand war. Gleichzeitig wuchs das Interesse an Natur, Selbstverwirklichung und dem Privaten.

Erdtöne, Naturmaterialien und weiche, einhüllende Möbel passen zu einer Zeit, in der man sich in die eigenen vier Wände zurückzog. Das Zuhause wurde zur Höhle, zum Gegengewicht zur unsicheren Welt draußen.

Die 80er: Laut, bunt und gegen die Regeln

Dann kam der Gegenschlag. Nach der Gemütlichkeit der 70er wollte man Spaß, Mut und Show.

Memphis Design. 1981 gründete der Designer Ettore Sottsass in Mailand die Gruppe „Memphis“. Ihre Möbel waren ein Bruch mit allem, was bis dahin als guter Geschmack galt: knallige Farben, wilde Muster, schiefe Formen, Plastiklaminat. Ein Regal sah aus wie eine Figur, ein Tisch wie ein Spielzeug. Vieles davon wirkte damals albern, heute finden sich diese Stücke in Museumssammlungen und erzielen hohe Preise. Das ist vermutlich die schönste Antwort auf unsere Titelfrage: Kunst oder kann weg? Beides, je nach Jahrzehnt.

Colorful Memphis-inspired living room with turquoise sofa and geometric decor

Glasbausteine. Eigentlich schon in den 1930ern bekannt, erlebten sie in den 80ern ein Comeback: als Raumteiler, Fensterersatz im Bad oder Wand im Flur. Sie ließen Licht durch, aber keinen Blick.

Vintage living room with striped sofa, houseplant, books, and television

Spiegelwände, Schwarzlack und Pastell. Schwarz lackierte Möbel, verspiegelte Wände und Chrom standen für Glamour und Großstadt. Daneben gab es die Pastellfarben Pfirsich, Mint und Türkis, oft kombiniert mit Neon.

Ein modern eingerichtetes Wohnzimmer mit glänzend schwarzen Möbeln, grauem Teppichboden und auffälligen bunten Streifen an der Wand.

Wasserbetten. Sie galten als Inbegriff von Lifestyle und Moderne, bis sich die Nachteile (Gewicht, Wartung, Kälte) herumsprachen.

Ein retro-eingerichtetes Schlafzimmer mit einem hellblauen Tagesbett, gemusterten Tapeten und Musikpostern an der Wand.

Was sagt uns das über unsere Zeit?

Die 80er waren das Jahrzehnt von Konsum, Karriere und Selbstdarstellung. Die Wohnung wurde zur Bühne, auf der man zeigte, wer man ist. Ein Gedanke, der heute auf Instagram und Pinterest wieder sehr lebendig ist.

Und hier schließt sich der Kreis: Viele Elemente kehren zurück.

Rattan und Makramee gehören längst wieder zum Boho-Repertoire, Erdtöne bestimmen Warm-Minimalism-Wohnungen, und die Farbfreude von Memphis steckt in dem Trend, den wir als Dopamine Decor kennen.

Meist kommen die Dinge in einer abgemilderten Variante zurück: der Shag-Teppich als kleine Teppichinsel, die Gesprächsgrube als Sofa mit tiefer Sitzfläche, die Holzvertäfelung als einzelne Akzentwand.

Was du daraus mitnehmen kannst

  • Mut zu einzelnen Stücken statt ganzer Räume. Ein Memphis-inspirierter Beistelltisch wirkt als Statement, ein ganzes Wohnzimmer im Stil der 80er wirkt schnell wie ein Kostüm.
  • Naturmaterialien als sicherer Einstieg. Rattan, Holz und Wolle sind der leichteste Weg, den 70er-Charme ins Zuhause zu holen.
  • Frag dich, was dich daran anspricht. Ist es Gemütlichkeit, Farbe, Nostalgie oder einfach der Spaß am Besonderen? Dann findest du das Gefühl auch in modernen Varianten.

Im nächsten Teil geht es um die 90er und 2000er: von schwammgetupften Wänden bis zur Tapetenbordüre.

TEIL DES KREISES MIT HEAL YOUR MIND

Warum uns Farbe und Spielerisches im Zuhause so guttun, und warum wir uns Freude manchmal kaum erlauben, liest du auf Heal your Mind: „Warum du dir Freude nicht erlaubst: Anhedonie nach narzisstischem Missbrauch (und wie du sie Stück für Stück zurückholst)“.

Du möchtest dir einen Hauch Retro ins Zuhause holen? In unserer Galerie „Retro-Revival“ findest du Keramiklampen, Teppiche und farbige Akzentstücke, die den Charme der 70er und 80er in moderner Form zurückbringen.


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